Memory

Diese Seite erinnert an Gerald Hintze, der als Studienleiter der Frankfurter Stadtakademie und Kurator der Weißfrauenkirche die Kunst, die Wissenschaften und die Sozialarbeit in Dialog brachte.
Auch mit HOME ABROAD gab es eine Kooperation sowie mit verbundenen Künstlern vielfältigen Austausch.
Memory versammelt eine Auswahl von Projekten, Kooperationen und Begegnungen mit Gerald Hintze aus der Erinnerung der jeweils Beteiligten.

Redaktion: Christiana Protto

In Kürze erscheinen hier weitere Beiträge:

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Weltzeit, 1996, Forum, Frankfurt am Main. Fotos: U. Breitenstein

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Gerald Hintze bei der Eröffnung von Weltzeit.

Urs Breitenstein

Gerald Hintze lernte ich Anfang der 90er Jahre als Kurator von Ausstellungen und Veranstaltungen im Dominikanerkloster kennen. Sein Themenfeld umkreiste insbesondere den Menschen in seinem städtischen Umfeld, was meinen eigenen Fokus berührte. So habe ich seine Arbeit mit Interesse verfolgt, wie er das wohl auch mit meiner tat.

Zu einer ersten Zusammenarbeit kam es 1994 im Rahmen des Projektes "Kunst in Frankfurt. Positionen aktueller Kunst der 80er und 90er Jahre" des Museums für Moderne Kunst, das verschiedene Ausstellungsorte in Frankfurt am Main einbezog. Mein mehrteiliger Ausstellungsbeitrag "innen außen innen" verortete sich vor allem entlang der Braubachstraße und verband den öffentlichen Außenraum mit den institutionellen Innenräumen des MMK und des Dominikanerklosters.

Im MMK präsentierte die Dia-Projektion "welten" ein Inventar von zeichenhaften Globusdarstellungen als Akrobatikakt auf der Bühne des Vortragssaales. Die Weltbilder pendelten dabei als metamorphische Bildpaare, von Variante zu Variante fortschreitend auf einer Wurfbahn zwischen zwei statischen Figuren hin und her. Die vorgefundenen Bildzeichen aus den Druckmedien und der Straßenwerbung fanden sich so im musealen Kontext wieder.
 
Das Außenprojekt "Straßenbilder" entlang der Braubachstraße nutzte standardisierte Metallrahmen, wie sie für den Aushang von Straßenbahnfahrplänen eingesetzt werden, um Fotografien in einer vertrauten Präsentationsform in den Straßenbereich einzuschleusen.
Die schwarzweißen Fotografien waren als unkommentierte Bilder zwischen die eindeutige Zeichenebene der Verkehrsschilder und die vielgestaltige Faktizität des Straßenraumes geschoben. Die meist vor Ort gemachten Fotos variierten das Thema Bild im Bild und bezogen sich unterschiedlich auf das jeweilige Umfeld.

Der Ausstellungsraum des Dominikanerklosters war auf einen White Cube reduziert worden, dessen Stirnwand als passgenaue Projektionsfläche diente. Die Dia-Installation "Stehenden Fußes" zeigte bildmittig das Rundsignet "Fußweg", an unterschiedlichen Orten mit entsprechend wechselndem Umfeld fotografiert. So blickte man im Ausstellungsraum angekommen gleichsam wieder in den Straßenraum hinaus und folgte von Zeichen zu Zeichen, von Ort zu Ort einem Fußweg, der zum Bildfluß wurde, da die wechselnden Bildpaare in der intermittierenden Doppelprojektion miteinander verschmolzen.

Eine weitere Außenarbeit war an der Fassade des Parkhauses Hauptwache montiert. "Haupt und Glieder" zeigte fünf gefundene Rundsignets mit Darstellungen von Kopf, Händen und Füßen. Die Zeichen, die in der Zeitung als vereinzelte Fragmente für unterschiedliche Firmen warben, wurden in der Mimikry einer Leuchtreklame als scheinbare Einheit präsentiert und verwiesen wieder auf einen Leib als verbindende Mitte.

Nach diesem Gastprojekt im Dominikanerkloster, das Gerald Hintze aktiv begleitet hatte, erfolgten weitere Zusammenarbeiten auf seine Einladung hin.

Im Forum Dornbusch zeigte ich 1999 zum Thema Milleniomania mit der Lichtbildprojektion "Weltspiele" erneut in filmischer Weise ein Inventar zeichenhafter vorgefundener Weltbilder.
In wechselnden Geschwindigkeiten führte ich diesmal die Welten als metamorphosierende Bildpaare vor, die so ihre unbefragte Eindeutigkeit verlieren und einen vielfältigen Reigen von Zwischenbildern und Scheinbewegungen bewirken: Meridianabstraktionen beginnen zu drehen, zu wachsen und schrumpfen, Attribute zu kippen und springen, und Erdteilzeichnungen zeigen unvermutet neue Gesichter.
 
Bei Markus!offen in Bockenheim wurde 2000 zum Thema Wiederholung mein "Tagesfilm" projieziert. Die Montage dokumentarischer Aufnahmen zeigt das mehrmalige von der Arbeit kommen und zur Arbeit gehen als ein verdichtetes Alltagsritual der Wiederholung in Variation, das sich vor der Fassade eines Wohnhauses öffentlich einsehbar abspielt.     
 
Den Straßenraum, öffentliche Räume, Begegnungsräume für verschiedene Gruppen der Gesellschaft hat Gerald Hintze zum Thema gemacht mit einem besonderen Interesse für die Menschen und ihr städtisches Umfeld, mit einem besonderen Sensorium auch für Texte und Bilder.
2005 hatte mir Gerald Hintze in Weser5 sein neues Arbeitsfeld gezeigt und sein Konzept für die Weißfrauenkirche erläutert. Meine ortspezifische Fotoinstallation "Die Temperatur der Wörter", die ich 2016 in der Weißfrauenkirche eingerichtet hatte, hätte ihm wohl gefallen, nicht nur weil sie Motive von der Straße in den Kirchenraum gebracht hat.
Nach dem Projekt im Dominikanerkloster 1994 hatte er mir noch ein Bändchen mit dem Titel "Strasse" überreicht mit der Widmung: "Ach, Herr Breitenstein, wenn ich so ihre Arbeit sehe, gibt es so einige Bezugspunkte."

Urs Breitenstein, Frankfurt am Main 2018